Longevity und Ayurveda – ein alter Schatz neu entdeckt
Longevity und Ayurveda – ein alter Schatz neu entdeckt
Viele der Prinzipien, die heute unter dem Begriff Longevity, also Langlebigkeit, diskutiert werden, sind im Ayurveda seit Jahrhunderten verankert. Dazu gehören ein individueller Lebensrhythmus, eine typgerechte Ernährung, regelmässige Regeneration sowie der bewusste Umgang mit Stress und Emotionen. Doch was bedeutet «Longevity» aus ayurvedischer Sicht konkret? Wir fragen Daniela Dörflinger Bruggeman von unserem Partner ayurfood.ch.
Rahel: Am Begriff «Longevity» kommen wir aktuell nicht vorbei. Wir lesen ihn in Blogs, er taucht in Dokus auf, es gibt sogar Kliniken, die sich darauf spezialisiert haben. Kannst du uns erklären, was es mit dem Langlebigkeits-Trend auf sich hat?
Daniela: Das Wort «Longevity» klingt modern und trendy, aber es ist uralt. Es stammt aus dem Lateinischen: Longaevitas bedeutet «hohes Alter» oder «Langlebigkeit».
Hinter dem Begriff steckt aber viel mehr als nur möglichst viele Jahre zu erreichen. Meiner Meinung nach geht es darum, möglichst lange gesund, vital und geistig klar zu bleiben. Nicht einfach alt werden, sondern gut altern. In der Wissenschaft spricht man dabei von «Healthspan» statt nur «Lifespan».
Was mich als Ayurveda-Expertin freut: «Longevity» ist kein neues Konzept. Wenn ich eine Arte-Doku über die ältesten Menschen der Welt schaue, die 90-Jährige, die noch täglich im Feld arbeitet, oder die 100-Jährige aus Okinawa, die morgens als erstes meditiert, dann sehe ich Ayurveda pur.
Regelmässige Tagesstruktur, pflanzliche Ernährung, soziale Einbindung, Sinn im Alltag, keine Eile. Das sind keine Trends, das sind uralte Weisheiten. Der Unterschied heute ist, dass die Wissenschaft beginnt zu verstehen, warum das so ist. Begriffe wie Telomere, Zellregeneration, Entzündungsmarker – all das sind moderne Erklärungen für das, was Ayurveda seit über 3000 Jahren praktiziert.
Ayurveda-Ernährungsberaterin Daniela: «Meiner Meinung nach geht es darum, möglichst lange gesund, vital und geistig klar zu bleiben. Nicht einfach alt werden, sondern gut altern.»
«Regelmässige Tagesroutine, ausreichend Schlaf, Bewegung in der Natur, bewusste Pausen. Das sind keine Luxusgüter, sondern medizinische Notwendigkeiten im Ayurveda»
Was bedeutet «Longevity» aus ayurvedischer Sicht konkret?
Ich vergleiche es mit dem ayurvedischen Konzept von «Rasayana». Das Sanskrit-Wort setzt sich zusammen aus «rasa» was so viel bedeutet wie Essenz, Nährsaft, Lebensfreude und «ayana» der Weg oder überall hin. Rasayana ist also der Weg der Essenz in alle Teile des Körpers. Als ayurvedisches Fachgebiet zielt Rasayana auf drei Kernziele ab:
Die Qualität von Rasa (dem ersten und wichtigsten Körpergewebe, dem Plasma) zu erhöhen
Einen optimalen Nährstofftransport sowie einen funktionierenden Stoffwechsel zu gewährleisten
Die Bildung von Ojas, unserer Vitalessenz, zu fördern
Wenn diese drei Dinge zusammenwirken, haben wir ein starkes Immunsystem und das ist die beste Grundlage für ein langes, gesundes Leben. Bei allen Rasayana Massnahmen geht es darum, die Qualität unserer Körpergewebe zu verbessern und nicht deren Menge. Es geht nicht darum, mehr Muskeln aufzubauen oder schneller zu werden, sondern darum, dass alle sieben Körpergewebe (von der Lymphe bis zum Fortpflanzungsgewebe) möglichst hochwertig und gut versorgt sind.
Die Caraka Samhita, eines der ältesten medizinischen Ayurveda-Lehrbücher, beschreibt das so: «Durch Rasayana erlangt man ein langes Leben, klares Gedächtnis, Intelligenz, Gesundheit, Jugendlichkeit, Kraft, vollkommene Sprache und leuchtende Ausstrahlung des Körpers.» Diese «leuchtende Ausstrahlung» nennen wir im Ayurveda «Ojas». Es ist die subtile Lebenskraft, die entsteht, wenn die Nahrung wirklich gut verdaut und verarbeitet wird. Und dieses innere Strahlen ist genau das, was man einer gesunden, vitalen Person ansieht: Strahlende Haut, klare Augen, Energie, Herzlichkeit. Das ist kein Zufall, das ist gelebte Rasayana.
Kannst du noch genauer auf «Ojas» eingehen?
Ojas ist das Endprodukt unseres Stoffwechsels, die feinste Essenz, die entsteht, wenn alle sieben Körpergewebe (Dhatus) optimal versorgt wurden. Ojas stärkt das Immunsystem, gibt uns Ausstrahlung und emotionale Stabilität. Chronischer Stress, Schlafmangel, schlechte Ernährung und Überarbeitung erschöpfen Ojas.
Mit Rasayana-Massnahmen wollen wir dieses Ojas wieder aufbauen. Rasayana wirkt dabei auf vier Ebenen gleichzeitig:
1. Āhāra-Rasāyana/Ernährung: Was wir täglich essen, ist die Basis. Ghee und Milch (in guter Qualität) gelten als klassische Rasayanas, nährend und stabilisierend. Dazu kommen auch Zutaten wie z.B. Mandeln, Sesam, Granatapfel, Feigen, Trauben, Mungbohnen und Gewürze wie Safran und Kardamom.
2. Vihāra-Rasāyana/Lifestyle: Wie gestalten wir unseren Alltag? Regelmässige Tagesroutine, ausreichend Schlaf, Bewegung in der Natur, bewusste Pausen. Das sind keine Luxusgüter, sondern medizinische Notwendigkeiten im Ayurveda.
3. Ācāra-Rasāyana/Ethisches Verhalten: Der vielleicht unterschätzte Aspekt. Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit, Reinheit, positives Denken, die Gesellschaft guter Menschen – wer so lebt, für den entfalten alle Rasayana-Massnahmen ihre volle Wirksamkeit. Meditation und Stille stabilisieren Geist und Körper.
4. Auṣadha-Rasāyana/Heilpflanzen: Durch spezielle Kräuter und Gewürzmischungen kann der Alterungsprozess verlangsamt und teilweise sogar umgekehrt werden. Das Ziel: Vitalität, Energie, Strahlkraft und Gesundheit bis ins hohe Alter. Wichtig: Heilpflanzen und Supplements sollten immer konstitutionsgerecht eingesetzt werden.
«Was wir täglich essen, ist die Basis. Ghee und Milch, in guter Qualität, gelten als klassische Rasayanas, nährend und stabilisierend. Dazu kommen auch Zutaten wie z.B. Mandeln, Sesam, Granatapfel, Feigen, Trauben, Mungbohnen und Gewürze wie Safran und Kardamom.»
«Ayurveda wartet nicht, bis wir krank sind, sondern stärkt den Körper täglich, durch Ernährung, Routine, Kräuter und innere Haltung»
Wow, jetzt wissen wir schon sehr viel über das Thema. Gibt es aber doch einen Unterschied zwischen Ayurveda und Longevity?
Ich sehe zwischen dem heutigen Longevity-Trend und dem ayurvedischen Rasayana eine Schnittmenge, aber auch einen entscheidenden Unterschied: Longevity im westlichen Sinne ist sehr stark auf messbare Biomarker fokussiert: Telomerlänge, genetische Tests, Hormonspiegel-Messungen, Entzündungsmarker. Das alles ist sicherlich spannend und wertvoll und es bestätigt vieles, was Ayurveda schon immer gesagt hat.
Der Unterschied liegt für mich aber in der Haltung. Longevity fragt: «Wie optimiere ich meinen Körper?» und dabei kommen auch nicht-natürliche Massnahmen zum Zug. Ayurveda arbeitet immer ganzheitlich und fragt: «Wie lebe ich im Einklang mit meiner Natur, mit den Jahreszeiten und mit meinem inneren Feuer? Welche Aufgabe erfülle ich als Mensch, wie stehe im Austausch mit meinem Umfeld und meiner Umgebung?» Ayurveda berücksichtigt auch den Geist – Manas – und das ethische Verhalten als Teil des Heilungsprozesses.
Ein praktisches Beispiel: Longevity empfiehlt intermittierendes Fasten. Ayurveda sagt: «Iss erst wieder, wenn du wirklich hungrig bist» das ist im Grunde dasselbe Prinzip, aber individuell und konstitutionell angepasst. Eine kräftige Kapha-Person profitiert vielleicht stärker vom Fasten, eine luftige Vata-Person hingegen braucht wärmende, regelmässige Mahlzeiten.
Was ich ebenfalls wichtig finde: Eine der grössten Herausforderungen unserer Gesundheit ist der moderne und hektische Lebenswandel. Stress, Reizüberflutung, Schlafmangel. Das sind die Faktoren unseres modernen Alltags, die Ojas und Immunkraft am stärksten abbauen. Und genau hier liegt eine Besonderheit des Ayurveda: Wir arbeiten präventiv und ganzheitlich. Ayurveda wartet nicht, bis wir krank sind, sondern stärkt den Körper täglich, durch Ernährung, Routine, Kräuter und innere Haltung.
«Eine der grössten Herausforderungen unserer Gesundheit ist der moderne und hektische Lebenswandel. Stress, Reizüberflutung, Schlafmangel. Das sind die Faktoren unseres modernen Alltags, die Ojas und Immunkraft am stärksten abbauen.»
«Longevity ist für mich kein Optimierungsprojekt. Es ist eine Einladung, das eigene Leben bewusster zu gestalten»
Was sind deine persönlichen Empfehlungen für ein gesundes, langes Leben für unsere Leser*innen?
1. Achtsam essen und auf hochwertige Zutaten achten: Frisch gekocht, pflanzenbetont, hochwertig. Das sollte die Grundlage sein. Aber genauso wichtig wie was wir essen, ist wie wir essen: Achtsames Essen kann fast jede Speise verwandeln, denn Menge und Geschwindigkeit der Aufnahme machen wesentlich die Gesundheit einer Mahlzeit aus. Sitz hin. Atme einmal durch. Iss langsam und ohne Ablenkung.
2. Stress abbauen: Bewusste Pausen als Medizin begreifen. Ich sehe dauerhaften Stress als einen der grössten «Ojas-Killer» unserer Zeit. Diese wertvolle Vitalessenz wird nur sehr langsam aufgebaut, aber leider sehr schnell zerstört. Ein regelmässiger Lebensstil, feste Schlaf- und Essenszeiten und echte Pausen sind für das Nervensystem Balsam. Eine Chai-Pause am Nachmittag oder eine Tasse warme Gewürz-Milch am Abend, kann helfen, um Anspannung loszulassen.
3. Regelmässige Bewegung: Finde, was dir Freude macht. Die beste Bewegung ist jene, zu der du immer wieder ganz natürlich zurückfindest. Spazieren, Yoga, Schwimmen, Tanzen... es geht darum, den Körper in Fluss zu bringen und Agni (Verdauungsfeuer) zu stärken. Nach der Bewegung solltest du mehr Energie haben als davor, nicht weniger.
4. Gemeinschaft pflegen: Soziale Zugehörigkeit als Gesundheitsfaktor. Longevity-Studien bestätigen, was Ayurveda schon immer wusste: Menschen in lebendigen Gemeinschaften, mit echten Freundschaften und einem Gefühl der Zugehörigkeit, leben länger und gesünder. Die Gesellschaft guter Menschen gehört im Caraka Samhita offiziell zu den verjüngenden Lebenspraktiken. Pflege deine Freundschaften – auch das ist Rasayana.
Zwei Bonustipps:
Regelmässiges, sanftes Detox: Zum Beispiel saisonal ein bis zwei Tage Mungbohnensuppe. Das setzt Energie frei für die Regeneration des Körpers und stärkt die Verdauungskraft.
Selbstfürsorge als Ritual: Regelmässige Ölmassagen oder ein- bis zweimal jährlich eine gezielte Ayurveda-Kur. Das ist Prävention in Reinform und ein Geschenk an sich selbst.
Longevity ist für mich kein Optimierungsprojekt. Es ist eine Einladung, das eigene Leben bewusster zu gestalten, mit Neugier, Genuss und Respekt vor dem, was der Körper braucht. Wenn wir anfangen zu spüren, was uns wirklich nährt, körperlich, emotional, geistig, dann sind wir schon mittendrin in unserem ganz persönlichen Rasayana. Im Einklang mit der Natur. In einem Leben, das uns glücklich macht.
«Longevity-Studien bestätigen, was Ayurveda schon immer wusste: Menschen in lebendigen Gemeinschaften, mit echten Freundschaften und einem Gefühl der Zugehörigkeit, leben länger und gesünder.»
Weiterführende Literatur:
Immun: Die Ayurveda-Formel für ein starkes Immunsystem, Win Silvester
Aktiv Verjüngen: Selbstheilung aktivieren. Energielevel steigern. Sich fantastisch fühlen, Dr. med Ulrich Bauhofer
Was uns wirklich nährt: Durch achtsames Essen, Gesundheit und Wohlbefinden innere Verbundenheit erlangen, Prof. Dr. Gregor Hasler
Über Daniela von ayurfood.ch
Daniela Dörflinger Bruggeman ist ganzheitliche Ayurveda-Ernährungsberaterin und Yoga-Lehrerin. Sie gibt im Grossraum Zürich Ayurveda Koch-Workshops. Zudem schreibt sie in ihrem Blog über spezifische Themen rund um Ayurveda.